Philipp Goldbach

Philipp Goldbach © Karin Ruëtz

© Philipp Goldbach / VG Bild-Kunst, Bonn 2021

© Philipp Goldbach / VG Bild-Kunst, Bonn 2021

© Philipp Goldbach / VG Bild-Kunst, Bonn 2021

© Philipp Goldbach / VG Bild-Kunst, Bonn 2021


Philipp Goldbach (*1978) lebt und arbeitet in Köln. Nach einem Studium der Kunstgeschichte, Soziologie und Philosophie an der Universität zu Köln und einem Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln, promovierte Goldbach 2016 im Fach Kunstgeschichte an der Universität zu Köln.

Goldbach übernahm auf Einladung des Rheinischen Bildarchives im Rahmen des Artist Meets Archive-Projekts ca. 4.000 Archivkartons, die beim Umzug des Rheinischen Bildarchivs Köln ausgemustert wurden und installierte diese im Park von Burg Lede bei Bonn. Der Verfallsprozess der Kartons wurde dort vom Künstler in regelmäßigen Abständen fotografisch dokumentiert - genauso wie er zuvor die Umlagerung des Kartoninhalts durch Restaurator*innen in den Räumen des Rheinischen Bildarchivs begleitet hat. 

Zentrales Element ist der schwarze Archivkarton des RBA-Positivarchivs. Die Archivkartons setzte er einerseits einem Verwitterungsprozess aus und dokumentierte diesen Prozess fotografisch. Anderseits stellte er dem Verfallsprozess die Handlungen und Handgriffe des Restaurator:innenteams, die die Umlagerung durchführten und damit die Zukunft des Bildarchivs aufbauen, entgegen.

Das Projekt überführt die Archivkartons zugleich aus ihrem konkreten funktionalen Zusammenhang in eine poetische Reflexion: über die der Konservierung jedes Archivs zugrunde liegende menschliche Arbeit(szeit) und den entropischen Prozess der vergehenden Zeit, der ihr entgegenwirkt. Das von ihm gewählte Format der Dia-Installation hebt dabei jene Komponente in den Blick, die den entleerten Archivkartons selbst nicht mehr oder nur noch bedingt ablesbar ist: Ihr ehemals fotografischer Bezug und Inhalten.

Philipp Goldbach / Rheinisches Bildarchiv
"Image Cycle“
Kapelle am Gereonskloster
 21. Mai - 04. Juni 2021


Recording: Damian Zimmermann. Edit: Silviu Guiman & Philipp Goldbach © Philipp Goldbach / VG Bild-Kunst, Bonn 2020 

Mit freundlicher Unterstützung der Tsurumi (Europe) GmbH


 
Interview zwischen Inga Schneider (Photoszene) und Philipp Goldbach.
Inga Schneider (IS): Kannst Du etwas zu dem Teil Deiner Arbeit sagen, der derzeit im Park von Burg Lede steht? Was ist dort konkret zu sehen?
 
Philipp Goldbach (PG): Es sind ca. 4000 Archivboxen, genaugenommen 3906, die beim Umzug des Rheinischen Bildarchivs ausgemustert wurden. Buchbinder haben sie seit 1920er Jahren aus schwarz bezogener Pappe im immer gleichen Format für das RBA angefertigt, wo sie bis letztes Jahr das sogenannte Positiv-Archiv beherbergten. Das ist ein früher Bildkatalog mit einer repräsentativen Auswahl von ca. 120.000 Fotografien aus dem Gesamtbestand des Archivs, kleinformatig abgezogen, zu mehreren auf A4-Kartons montiert, säuberlich beschriftet und in topografischer Ordnung in diese Boxen einsortiert. 
Noch vor dem Mikrofiche-Katalog und später mit diesem zusammen war es die primäre Benutzeroberfläche des Archivs. Obwohl sie zuletzt kaum mehr Verwendung fanden und eher für fotohistorische Fragen aufschlussreich sind, haben die Regale mit schwarzen Archivboxen das Erscheinungsbild des Archivs noch bestimmt. Der Inhalt der Kartons wurde nun von Restauratoren in einem langwierigen Prozess gereinigt und in neue archivsichere Boxen umgelagert. Für die alten Kartons gab es danach keine Verwendung mehr. Nun stehen sie im Park von Burg Lede, als eine 22.5 Meter lange und 2.5 Meter hohe Skulptur, beidseitig zu begehen, so als wäre es ein großer Archivschrank in der Natur.
 
IS: Welche Überlegungen haben dich zur Auswahl des Standortes geführt?
 
PG: Für die Installation der Kartons habe ich gemeinsam mit der Projektleitung von AMA mehrere Orte in der Nähe von Köln angesehen. Ich wollte, dass das Gelände weitgehend naturbelassen ist und nicht oder nur eingeschränkt öffentlich zugänglich, um die Kartons dort über einen längeren Zeitraum ungestört sich selbst zu überlassen und in unregelmäßigen Abständen dabei fotografieren zu können, wie sie sich durch die Witterung langsam verändern. Außerdem musste es eine ausreichend große Freifläche für die Installation geben, mit der Möglichkeit, sie von allen Seiten aufzunehmen. Außer diesen praktischen Anforderungen war primär der atmosphärische und landschaftliche Charakter für mich ausschlaggebend. Die Installation befindet sich nun in einem hinteren Teil der Parkanlage, die stärker sich selbst überlassen ist, in einem verlandeten Teich. Es gibt noch eine Steintreppe die zum ehemaligen Teichbecken herabführt. Der Ort bietet einen fließende Übergang zwischen Kultur und Natur. Die Arbeit integriert sich dort, es ist, als wäre er für sie gemacht, und sie wirkt dennoch deplatziert.

IS: Die Wasserburg Lede ist nicht nur ein historisches Baudenkmal, sondern die gesamte Anlage ein Natur- und Wasserschutzgebiet. Gab es für die Installation dort Auflagen?

PG: Ja. Als die Idee der Installation der Boxen im Außenraum klar war, haben wir die Kartons in einem zweistufigen Verfahren von einem Umweltkontrolllabor auf Schadstoffe testen lassen. Ihre Klebeverbindungen und Farbstoffe enthalten Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe - also Erdöl- bzw. Teerverbindungen. Um auszuschließen, dass sie mit ausgelösten Partikeln aus den Archivboxen in höherer Konzentration in den Oberboden eindringen, als in einem Natur- und  Wasserschutzgebiet zulässig ist, haben wir vom Umweltamt der Stadt Bonn die Auflage erhalten, das aus den Archivkartons ausgeschwemmte Regenwasser vollständig aufzufangen und in die Kanalisation einzuleiten. Die Archivkartons stehen nun auf einer mit Teichfolie bespannten Unterkonstruktion, um das Wasser zu sammeln und bei Bedarf über eine Strecke von 200 in den nächstgelegenen Punkt der Kanalisation zu pumpen. Diese im Detail recht aufwändig umzusetzende Maßnahme, wäre an einem anderen Ort nicht nötig gewesen, aber sie hat mich dazu gebracht, noch einmal in anderer Weise über den Zersetzungsprozess der Kartons nachzudenken.
 
IS: Inwiefern hat sich deine Perspektive dadurch geändert? 
 
PG: Ich wollte die besondere Situation der Migration des Archivs thematisieren. Die ausgemusterten Boxen und ihr Zerfall hatten für mich zunächst eher symbolische Bedeutung. Ich dachte etwa an Armand Schulthess‘ “Enzyklopädie im Wald“ oder Peter Greenaways “A Zed & Two Noughts” und den entropischen Prozess als Gegenpol zur Arbeit des Bewahrens und Konservierens. Die feste geometrische Anordnung der Kartons sollte in weiche und amorphe Masse übergehen und sich schließlich auflösen. Durch die Auseinandersetzung mit der stofflichen Zusammensetzung der Kartons hat sich meine Sicht verändert. Ich sehe sie nun stärker selbst als ein Archiv, in dem Informationen gespeichert sind, die durch die Form der Installation auf- und abgerufen werden. Also durchaus als etwas, das weiter aktiv mit seiner Umwelt kommuniziert und darüber neue Informationen produziert. 


Philipp Goldbach, Burg Lede, Januar 2021 from Internationale Photoszene Köln on Vimeo.

..to be continued…” Teil 2: Der Verfall
Im Gespräch mit Dr. Karl-Heinz Linne von Berg, Zellbiologe an der Universität zu Köln, geht
Philipp Goldbach der Frage der Zersetzung und des natürlichen Befalls des Kartonmaterials nach.
Den Jahreszeiten und der Witterung überlassen, entsteht auf der Installation ein Kampf zwischen
Pilzen und Bakterien, der von Dr. Linne von Berg mikrobiologisch untersucht wurde.

Philipp Goldbach: In Bezug auf die Untersuchung von Pilzen, Bakterien auf dem Kartonmaterial
der Archivkisten stellen sich mir vor allem zwei Fragen.

Zum einen: Sie hatten Ende Januar, nachdem die Archivkartons zwei Monate der Natur überlassen
waren, Proben entnommen. Haben sich diese auf den Platten in der Zwischenzeit weiterentwickelt?
Haben sich zum Beispiel Sporen gebildet oder lassen sich womöglich weitere Auffälligkeiten
erkennen? Können die zahlreichen unterschiedlichen Pilzkolonien, die auf den Nährmedien
entstanden sind, spezifischen Gruppen zugeordnet und auch namentlich benannt werden?

Dr. Linne von Berg: Zwei Pilzgruppen konnte ich mikroskopisch identifizieren, allerdings nur als
Gattung Pinselschimmel („Penicillium“ sp.); hier ist nur eine grobe Zuordnung in eine Sammelgattung
möglich. Dies geht über die sogenannten Nebenfruchtformen, wie auf den Fotos zu erkennen
ist. Das sind Strukturen, die der ungeschlechtlichen Vermehrung dienen und massenhaft Sporen
bilden. Das Verzweigungsmuster der Sporenträger ist entscheidend für die Zuordnung. Die Sporen
sind in langen Reihen angeordnet. Eine endgültige Bestimmung ist nur mit geschlechtlichen 
Fortpflanzungsstadien (Haupt-fruchtformen) möglich. Alle grauen, graugrünen und goldfarbenen 
Pilzmycelien sind der „Sammelgattung Penicillium“ zuzuordnen. Die übergeordnete Zuordnung, die 
der Pilzklasse, dürfte in diesen Fällen die Ascomycota (Schlauchpilz) sein.
Eine zweite Gruppe, die ich isolieren konnte, sind Vertreter der Gattung Mucor (Klasse Mucoromycota,
Jochpilze). Auch hier ist eine weitere Bestimmung nur mit sexuellen Fortpflanzungsstadien
möglich. Eine eindeutige Zuordnung zur Klasse ist aber mithilfe der Sporangien möglich, wie in
den Abbildungen zu sehen ist.

 
Abb. 1, links: Penicillium sp. (Verzweigungsmuster); rechts: Penicillium sp. (Sporen in langen Reihen)

Philipp Goldbach: Meine zweite Frage: Die Mauer aus Archivkartons ist in der Zwischenzeit eingestürzt. Das
Wasser sammelt sich an bestimmten Stellen, und so findet dort eine konstante und großflächige
Durchfeuchtung des Kartonmaterials statt. Es ist ein stark fortgeschrittener Zersetzungszustand
an diesen Stellen zu beobachten. Wie wird sich diese Zersetzung weiter auf Art und Verhältnis der
Organismen auswirken? Sie beobachteten in einer weiteren Probe der nassen Außenfläche eines
Kartons, dass sich hier das Verhältnis von Pilzen zu Bakterien deutlich zugunsten der Bakterien
verschiebt. Ist nun eine vermehrte Bakterienbildung in den im Wasser liegenden Kartons zu erwarten,
sowie die Entstehung von Algen und Moosen?

Dr. Linne von Berg: Ja, ich würde sehr mit einer Vermehrung der Bakterienpopulationen rechnen. Auch mit
der Besiedlung durch Algen und später auch mit Moosen kann man rechnen.

Philipp Goldbach: Werden umgekehrt die Pilze in den dauerhaft im und unter Wasser liegenden Kartons absterben
und verschwinden? Die Pilz-Besiedlung auf den zum Teil aufgebrochenen Kartons über
Wasser ist sehr deutlich erkennbar. Lässt sich eine Aussage oder Prognose zur Auswirkung des
Einsturzes auf das Gesamtökosystem des mit den Regenfällen entstandenen Teiches treffen, in
dem sich die Archivkartons nun mit Erdboden, herabgefallenem Laub, Ästen usw. mischen?

Dr. Linne von Berg: Insgesamt würde ich sagen, dass durch die aus den umgebenden hinzukommenden
Organismen, wie Bakterien und Pilzen, der Abbau schneller vonstattengeht. Es ist einfach eine
größere Vielfalt von Organismen mit unterschiedlichen physiologischen Fähigkeiten vorhanden,
die gemeinsam einen beschleunigten Abbau hinbekommen. Die Schimmelpilze werden sicher
unter Wasser mit dem Wachstum aufhören, fangen aber mit dem Wachstum wieder an, wenn sie
wieder trockenfallen. Alles in allem stellen die Kartons natürlich eine organische Belastung für das
Gewässer dar, die deutlich über das regelmäßig hineinfallende Laub hinausgehen. Detailliertere
Prognosen sind aus meiner Sicht aber nicht möglich. Man kann, wenn man will, die Sache nur
weiter beobachten.

Starting Point

2020
© Philipp Goldbach / VG Bild-Kunst, Bonn 2021